Sep 18 2010
Hilfe, wir sind ein Star
Sie, die geschäftsführenden Direktoren des Wetters, müssen wohl ein Einsehen mit uns gehabt haben, denn wider Erwarten verbrachten wir heute einen fast gänzlich trockenen Tag in Seattle, das wir genau aus diesem Grunde auch nicht vorzeitig verlassen haben, wie wir es uns eigentlich vorgenommen hatten. Stattdessen gestaltete sich – nachdem wir einmal mehr mit einem angemessen Parkplatz haderten, schließlich verteuern sich die Parkkosten fast meterweise je näher man zu den Sehenswürdigkeiten kommt – unser Aufenthalt in der größten Stadt des Nordwestens der USA sehr kurzweilig. Unweit von der Stadtbild prägenden Space Needle, der 184 Meter hohen Weltraum-Nadel, geparkt, war auch sie unsere erste Anlaufstelle des Tages, wo wir uns den architektonischen Mittelpunkt der Weltausstellung 1962, welcher der Skyline auch ihren hohen und etwas futuristischen Wiedererkennungswert verleiht, genauer ansahen. Angesichts der langen Warteschlange verzichteten wir jedoch auf eine Fahrt nach oben, von wo man einen grandiosen Blick über die Stadt bis zum Gipfel des Mount Rainier haben soll.
Mit der Monorail, einer Einschienbahn, fuhren wir im Anschluss in die hügelige Innenstadt Seattles, die sich auf einer schmalen Landenge erstreckt, wo wir der Empfehlung des Reiseführers wegen recht zielsicher den Pike Place Market ansteuerten. Abgesehen von einem, mein Interesse von größtem Maße weckenden, völlig verglasten Fachgeschäft für Käse, in welchem man durch das Fenster sogar der Käseherstellung beiwohnen kann, war es mir hier, an dem Ort, wo über 100 Farmer und Fischhändler auf zwei Etagen ihre Waren verkaufen und über 150 Künstler und Kunsthandwerker ihre Arbeiten ausstellen, aber zu quirlig. Bestes Umfeld für Straßendiebe, dachte ich ein wenig besorgt und drückte meinen Kamera-Rucksack fester an mich, obwohl ich mich diesbezüglich natürlich auch täuschen kann und der Stadt als solches nichts Negatives anheften möchte. Hier liefen wir übrigens auch an dem ersten Starbucks-Cafe´, unserer täglichen Urlaubsfreude, überhaupt, das 1971 eröffnete, vorbei. Eingekehrt sind wir später aber in einem anderen.
Danach fuhren wir mit der Monorail wieder zurück zum Seattle Center, um uns dort ein Ticket für ein thematisch nicht zusammen gehörendes Doppelmuseum zu lösen – dem Science Fiction Museum, das die Herzen eingefleischter Science-Fiction-Fans gewiss höher schlagen lässt, da sich hier viele Originalteile amerikanischer Science-Fiction-Filme befinden, sei es die Figur E.T. oder jene aus den Planeten der Affen oder auch die Kommandozentrale vom Raumschiff Enterprise, und dem Experience Music Projekt (EMP), das zunächst gar nicht wie ein Museum klingt. Hier im EMP, einem multimedialen mit Klang- und Tonstudios ausgestattetem Gebäude, in welchem vor allem dem berühmten Sohn der Stadt, Jimi Hendrix, gefrönt wird, haben wir persönlich auch Rockstar-Feeling geschnuppert, als wir uns auf einer Bühne in einem virtuellem Stadion mit schreienden Fans, wo wir mehr schlecht als recht Twist and Shout zum Besten gaben. Spaß gemacht hat’s aber ungeachtet dessen trotzdem, wenngleich ich mich durchaus wie ein kleiner Trottel ohne jegliches Musikgespür fühlte. Ein Video von diesem Auftritt haben wir uns aber nicht gekauft, uns aber im Nachhinein köstlich über selbiges amüsiert, als wir uns beide auf der Bühne hampeln sahen. Ansonsten stellt das EMP die Geschichte des Rock’n Roll dar und reflektiert seine Einflüsse auf andere Musikrichtungen, wofür es interaktive Ausstellungselemente benutzt. Sehenswerter Blickfang ist aber auf jeden Fall die meterhohe Gitarrenpyramide.
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Da beide Ziele in völlig entgegen gesetzter Richtung lagen, mussten wir uns entscheiden. Laut Wettervorhersage sollte heute der vorerst letzte sonnige Tag sein. Wollten wir diesen in den kühl(er)en Bergen verbringen oder nicht doch an die Küste, die bei Regen viel ihres Flairs einbüßt, fahren? Leicht fiel uns die Entscheidung nicht. Beides hatte seinen Reiz, beides seine Berechtigung, gesehen zu werden. Letztlich entschieden wir uns aber für die Küste, in deren Sanddünen wir mit dem Quad fahren wollten, was wir kurz zuvor in einem Film in der Touristinformation gesehen hatten. O.k., ich gebe zu, dass es mir etwas Angst bereitete und, um es vorweg zu sagen, dann auch viel schlimmer wurde, was meine Angst betrifft, als ich dachte, aber es war soooooo genial. Neben Canyoning und meiner ersten Klettererfahrung mit das Beste, was ich jemals gemacht habe. Einfach atemberaubend. Und was ist schon Angst? Eine warnende Barke, die es sich zu überwinden lohnt, wenn sachliche Fakten ihr widersprechen (Tausende Leute vor uns haben das schon gemacht, Tausende werden es nach uns machen), schließlich kann man sich danach als kleiner Held fühlen, Eroberer des Sandes sozusagen. Und als solche konnten wir uns nach der Tour mit all dem Sand in unseren Schuhen uns unserer Kleidung dann auch wirklich bezeichnen.
Sollten wir mit den Quads, die sich vor der Türe befanden, auf der Landstraße fahren, um in die Dünen zu kommen? Ich selbst bin noch niemals auch nur einen einzigen Meter auf amerikanischen Straßen gefahren, habe mich bisher auch kaum um die Verkehrszeichen oder –regeln bemüht. Fünf bis sieben Minuten würde man bis zu den Dünen brauchen, sagte das amerikanische Dieter Thomas Heck-Double. Man würde uns dorthin begleiten. Aber selbst das beruhigte mich nicht. In einer Gruppe dorthin fahren? Demgemäß in einer Geschwindigkeit, die der erste vorgibt und nicht eine, die ich für meine Möglichkeiten für gut heiße?! Und Quad-Kenntnisse hatte ich zudem keine. Die englische kurze Einweisung in das Gefährt, was man tun und was man lassen sollte, was im Falle eines Unfalls, was im Falle eines Verlassens der nur erdachten Begrenzungen (kein Scherz!) usw. zu tun ist bzw. auch die Regeln, an die man sich beim Fahren halten soll, hätten mich in der Kürze der Zeit auch in deutscher Sprache irritiert. Aber so? Aufgrund meiner Nervosität verstand ich fast nur Bahnhof. Und dann ging’s plötzlich doch ganz schnell. Unsere Gruppe bestand aus fünf Personen, vier Männern und mir. Helm auf, Quad an und los ging’s. Zum Glück nicht auf der Landstraße, dafür aber eine umso hügeligere Strecke, die mir schon zu Beginn alles abverlangte, während sich die drei Männer hinter mir wahrscheinlich zu Tode langweilten, weil ich so langsam fuhr. Diesbezüglich hatte ich übrigens recht: an der erstbesten Stelle rauschten sie an mir vorbei, was mir aber egal war. In den Dünen angekommen hatte ich eigentlich schon genug und hätte das Geländefahrzeug am liebsten wieder zurückgegeben. Nach einem kurzer Nachfrage, ob alles o.k. sei, verschwand unser Guide in halsbrecherischer Manier, die ich gerne fotografiert hätte, doch ans Fotografieren konnte ich zu diesem Zeitpunkt kaum denken.
„Die 2004 eröffnete freitragende Schrägseilbrücke überspannt in einer Länge von 213 Metern den Sacramento River“, hieß es dort. Das Bild war verlockend. Und wenn wir schon mal hier sind, können wir uns die Brücke doch auch ansehen, bevor wir weiterfahren, sagten wir uns. Gesagt. Getan. Gestärkt vom landestypischen (meist absolut unspektakulären) Continental Breakfast machten wir uns bereits kurz nach 9 Uhr auf den Weg, um nach wenigen Fahrminuten positiv überrascht zu werden. Die Brücke als solche ist, wenn man denn mal vor Ort sein sollte, auf jeden Fall einen kleinen Abstecher wert. Kurzweilig ist zudem der Turtle Bay Exploration Park, der sich beiderseits des Flusses befindet. Auf Schildern mehrfach vor Klapperschlangen gewarnt haben wir uns dann sogar zwei Stunden in dem Areal, in dem es unter anderem Erdbeerbäume, Schafsohren, Kängurugras, Bärenzungen, Jerusalemsagen, überdimensionierte Kaulquappen und vielerlei Kleintiere zu bestaunen gibt, aufgehalten. Insofern ein echtes Geschenk des Zufalls.